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Warum Jugendmedienschutz?

Aufgabe des Jugendmedienschutzes ist es, Medieninhalte auf ihr Gefährdungspotenzial hin zu beurteilen und deren öffentliche Verbreitung zu regeln. Dadurch sollen Einflusse der Erwachsenenwelt, die dem Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen noch nicht entsprechen, möglichst gering gehalten und deren Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden. Auf der Basis gesetzlicher Grundlagen und der Erkenntnisse pädagogischer und psychologischer oder anderer relevanter Forschung prüfen Kontrollorgane Medieninhalte auf die Einhaltung gesellschaftlich vorgegebener Werte und Normen. Der Jugendmedienschutz ist also ein wertebasiertes und Werte erhaltendes Konstrukt. Vor allem gefährdungsgeneigte Kinder und Jugendliche, die z.B. aus sozial benachteiligten oder gewaltgeprägten Familien stammen, sollen über die repressiven Maßnahmen des Jugendmedienschutzes geschützt werden.

Die Entstehung des Kinder- und Jugendschutzes in Deutschland wird häufig in Verbindung mit der Entstehung der Zensur in Deutschland beschrieben. Dies ist jedoch nur zum Teil gerechtfertigt. Die Unterschiede sind augenfällig: So war Zensur immer Vorzensur, das heißt eine Veröffentlichung war abhängig von der vorherigen Durchsicht des Zensors. Und - ein wichtiger Aspekt im Hinblick auf die vorliegende Thematik - es waren nicht Kinder und Jugendliche, die im Zentrum der Bemühungen standen, sondern die gesamte Bevölkerung. Diese Art der politischen und religiösen Bevormundung von Erwachsenen zog sich - immer wieder begleitet vom Kampf um die Meinungsfreiheit bzw. "Pressfreiheit" - durch die Geschichte der Zensur.

Die Geschichte des eigentlichen Kinder- und Jugendmedienschutzes beginnt später und geht auf andere Erkenntnisse und Überlegungen zurück. Die Erkenntnis, dass Kinder sich nur in einem gewissen Schutzraum zu tüchtigen und gesunden Mitgliedern der Gesellschaft entwickeln könnne, ist nicht sehr alt. Noch bis ins 19. Jahrhundert galten Kinder als kleine, aber fehlerhafte Erwachsene. Sie wurden wie Erwachsene zu schweren Arbeiten herangezogen, Spieltrieb und andere kindliche Eigenschaften wurden als "Fehler" bekämpft. Die ersten Schonräume für Kinder entstanden nicht zuletzt aufgrund der hohen Kindersterblichkeit, die der Obrigkeit Sorge bereitete; die ersten Jugendschutzbestimmungen waren Arbeitsschutzbestimmungen.

Beginnend mit Jean-Jacques Rousseau wird auch zunehmend der "Eigensinn" der Kindheit als Wert betrachtet, über eine rein materialistisch orientierte Haltung hinaus. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Kindheit und Jugend als eigene Lebensphasen im menschlichen Lebenslauf begriffen. Erst die bürgerliche Gesellschaft hat diese Lebensphasen durch die Umgestaltung sozialer und ökonomischer Strukturen sowie die Etablierung eines allgemeinen Schulsystems für alle Schichten der Bevölkerung institutionalisiert. So wurde ein soziales Moratorium durch ein übergreifendes pädagogisches Verständnis von Kindheit und Jugend konstituiert.

Auf der Basis dieser neuen Erziehungsvorstellungen entwickelten sich die Rechte von Kindern und Jugendlichen auf eine gesunde, aber auch von schädlichen Einflüssen freie Entwicklung: Für eine positive Persönlichkeitsentwicklung muss dem Kind gestattet sein, seine Gefühle, Neigungen und Bedürfnisse ohne Störungen aus der Erwachsenenwelt zu erleben. Der als erforderlich gesehene Schonraum wurde nach und nach abgesichert durch Gesetze und Verbote, die Kinder und Jugendliche vor gesundheitlichen, aber auch vor sittlichen Gefahren bewahren sollten.

Innerhalb dieses Schonraums werden die jungen Menschen mit gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert, die die Bildung einer eigenen Identität und die Integration in das bestehende Sozialgefüge zum Entwicklungsziel haben. Und hierauf gründen sich auch die Bemühungen, für Minderjährige spezielle, von den Erwachsenen abgegrenzte Lebensräume zu schaffen, um sie vor negativen Einflüssen zu schützen.

Neben dem gesetzlich festgelegten Jugendmedienschutz spielt die Förderung der individuellen Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen als präventive Maßnahme eine sehr wichtige Rolle. Der Kinder- und Jugendmedienschutz ist eng verknüpft mit pädagogischen Maßnahmen, um die Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei den Eltern, den Pädagogen und den Anbietern zu fördern. Medienkompetenz ist ein wesentlicher Baustein für einen umfassenden Jugendmedienschutz, der aber die Aufsicht nicht ersetzen kann.

Der Jugendmedienschutz steht vor großen Herausforderungen: Einerseits nehmen aufgrund von Globalisierung, Medienkonvergenz und Technikfortschritt die jugendschutzrelevanten Inhalte zu und damit auch der Handlungsbedarf, um Kinder und Jugendliche zu schützen. Andererseits wird es durch die enorme Menge an Medieninhalten und die unübersichtlichen, zumeist elektronischen, grenzüberschreitenden Übertragungswege immer schwieriger, effektive Kontrollmechanismen zu generieren. Die Institutionen, die sich mit Fragen des Jugendmedienschutzes innerhalb Deutschlands, aber auch international befassen, werden angesichts dieser Situation mit komplexen Sachverhalten konfrontiert.

Viele der jugendschutzrelevanten Inhalte, die in den letzten Jahren von der gesellschaftlichen Diskussion aufgegriffen wurden, können aufgrund der Gesetzeslage nicht beanstandet werden, da sie sich trotz Grenzwertigkeit im rechtlich zulässigen Rahmen bewegen. Letztlich sind auch die gesetzlichen Regelungen immer Ausdruck eines momentanen Zustandes von Gesellschaft, da sie sich auch aus dem Diskurs über ethische Grenzen ergeben. Sie nehmen also eine wichtige Orientierungsfunktion ein, da nur über einen gesellschaftlichen Konsens Jugendmedienschutz betrieben werden kann. Themen wie Gewalt, Sexualität und Menschenwürde sollten in der öffentlichen Diskussion neben den gesellschaftlich relevanten Gruppen auch auf europäischer Ebene Beachtung finden, da diese Dimension immer handlungsrelevanter wird. Insbesondere angesichts der globalen Natur des Internets müssen zusätzlich zur Medienaufsicht im jeweiligen Land internationale Regelungen gefunden werden.

Angesichts dieser Schwierigkeiten tritt eine weitere Funktion des Jugendschutzes noch stärker als bisher in den Vordergrund: die Bewusstmachung in der Gesellschaft. Jugendschutz hat immer auch deklaratorische Funktion. Indem Verstöße exemplarisch geahndet und öffentlich gemacht werden, wird die gesamtgesellschaftliche Debatte um Inhalte immer wieder angestoßen. So vergewissert sich die Gesellschaft auch ein Stück weit ihrer Werte, indem sie verhandelt, was Kindern und Jugendlichen zugemutet werden kann und was nicht.


Literatur

  • Hans-Bredow-Institut (Hg.): Analyse des Jugendmedienschutzsystems – Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Endbericht 2007. Hamburg: Hans-Bredow-Institut. 2006 beauftragte das Bundesfamilienministerium das Hans-Bredow-Institut mit der Evaluation des deutschen Jugendmedienschutzes: www.hans-bredow-institut.de.
  • JFF (Hg.): Untersuchung der Akzeptanz des Jugendmedienschutzes aus der Perspektive von Eltern, Jugendlichen und pädagogischen Fachkräften. Eigenständige Teilstudie des JFF zur Analyse des Jugendmedienschutzsystems. Endbericht, August 2007. München: JFF Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Der Bericht ist eine eigenständige Teilstudie zur umfassenden Analyse des Hans-Bredow-Instituts und fragt danach, wie der Jugendschutz gerade im Blick auf den praktischen Alltag verbessert werden könnte. Auch online unter www.jff.de.