
Generation Mobile – außer Kontrolle?: Mehr Medienkompetenz und sichere Handys gefordert
13/2007 (21.09.2007)
Kinder und Jugendliche gelangen auf Handys und mobilen Spielekonsolen sehr einfach an problematische und vor allem jugendgefährdende Inhalte. Zudem fehlt Erwachsenen oft das Wissen um die Risiken in mobilen Netzen, aber auch um die Bedienung der modernen technischen Allroundtalente. Seitens der Mobilfunkunternehmen müssten deshalb vorkonfigurierte Geräte angeboten werden, die für die jungen Nutzer einen sichereren Umgang mit Handys erlauben, forderten die Teilnehmer der Fachtagung „Generation Mobile – außer Kontrolle?“ am 20. September 2007 in Berlin. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und Mitglied der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), unterstrich in seiner Begrüßung, dass der technische Fortschritt nicht dazu benutzt werden dürfe, schleichend Jugendschutzstandards zu senken.
Auf Einladung der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), der Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie und der KJM waren rund 100 Experten aus Medienpolitik, Aufsicht, Medienpädagogik, kirchlichen Institutionen und aus der Mobilfunkbranche gekommen, um über das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen, das Gefahrenpotenzial und die Chancen mobiler Medien zu diskutieren. Angeregt wurde der Dialog insbesondere von Pfarrer Bernd Merz, dem Rundfunkbeauftragten der EKD und Mitinitiator der Veranstaltungsreihe, der einen kompetenten und kritischen Umgang mit mobilen Medien forderte.
Vor dem Hintergrund der steigenden Verbreitung und Nutzung von Mobiltelefonen unter Kindern und Jugendlichen und der Zunahme von Risiken und Gefahren für Heranwachsende bei der Handynutzung sieht Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring, Vorsitzender der KJM, großen Handlungsbedarf bei den Mobilfunkanbietern: „Für die Zukunft hält die KJM eine kindersichere Vorkonfiguration des Handys für notwendig.“ Inhalte wie z.B. Pornoclips oder Gewalt- und Tötungsszenen werden vielfach im Internet bereitgestellt, können von dort aufs Handy geladen und untereinander von Handy zu Handy getauscht werden. Zu den problematischen Inhalten gehören aber auch von Jugendlichen selbst gefilmte Clips, etwa Prügelszenen, die unter dem Stichwort „Happy Slapping“ in der Öffentlichkeit für Aufregung sorgen.
Auf den gemeinsam unterzeichneten Verhaltenskodex der großen deutschen Mobilfunkunternehmen wies Sabine Frank, die Geschäftsführerin der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V. (FSM), hin. Damit würden die beteiligten Unternehmen ein klares Bekenntnis zur Einhaltung und Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften zum Jugendschutz für den Bereich des Mobilfunks abgeben. Ralf Capito, Rechtsanwalt und zuständig für Regulation bei Vodafone D2, setzt bei der Umsetzung des Jugendschutzes insbesondere auf den Wettbewerb der Anbieter und das System der regulierten Selbstregulierung. Regulierung sei Ultima Ratio in der abgestuften Verantwortlichkeit der Beteiligten.
„Von kinderleichten Lösungen sind wir weit entfernt“, führte der Leiter von jugendschutz.net Friedemann Schindler aus. Problematisch sieht er neben dem Gefahrenpotenzial von Handys auch die vielfältigen Anwendungen von mobilen Spielekonsolen, die z.B. auch einen schnellen Zugang ins Internet ermöglichen oder eine Chat-Funktion beinhalten. Sensible persönliche Daten heranwachsender Gamer seien für jeden anderen Nutzer öffentlich abrufbar. Das Risiko, dass Kinder und Jugendliche über diesen Weg zu Opfern von Belästigungen oder sexuellem Missbrauch werden, sei hoch. Er forderte die Konsolenhersteller auf, in den Dialog mit jugendschutz.net und KJM zu treten, um effektive technische Schutzmöglichkeiten zu entwickeln. Außerdem stellte er die Frage, warum die Spieleindustrie sich bisher an Initiativen für den Jugendschutz – besonders auch in finanzieller Hinsicht – kaum beteilige.
Im Rahmen der Studie Jugend, Information, (Multi)Media (JIM) 2006, die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs) herausgegeben wurde, ermittelte Sabine Feierabend, dass 92 Prozent der Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren ein Handy besitzen und damit „vollversorgt“ sind. Zwar würde nach wie vor das Handy besonders fürs Telefonieren, SMSen und Fotografieren genutzt. Das Ansehen und Tauschen gewalthaltiger oder pornografischer Inhalte stelle jedoch kein Einzelphänomen mehr dar.
Mittlerweile werde das Handy von Kindern und Jugendlichen als unentbehrlich empfunden, stellte Prof. Dr. Roland Rosenstock von der Universität Greifswald in seinem Vortrag fest. Die öffentliche Kommunikationskultur werde sich stark wandeln, was beispielsweise an veränderten Verabredungsritualen und neuen Flirtformen zu beobachten sei. Prof. Johanna Haberer von der Universität Erlangen-Nürnberg unterstrich das veränderte Lebensgefühl der künftigen Generation, die „gezählt, verrechnet, registriert und vermarktbar“ sei, der jedoch das Reflexionsvermögen ob der Übermacht an Daten und Bildern fehle.
Kinder, so die Meinung von Dieter Dornbusch, dem Vorsitzenden des BundesElternRats, seien im Umgang mit der mobilen Technologie ihren Erziehungsberechtigten meist weitaus überlegen. Zwar seien Kinder und Jugendlichen technisch versiert im Umgang mit Handys, dennoch herrschten Unsicherheiten bei Themen wie Gesundheit, Urheberrechten, Datenschutz und dem Stichwort „Kostenfalle“, betonte Kathrin Demmler vom Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF). Über den Handyclip-Wettbewerb „Ohrenblick mal!“ des JFF werden junge Handynutzer dazu aufgefordert, das Gerät als mobiles kreatives Werkzeug zu benutzen und sich mit dem Medium auseinanderzusetzen. Eine weitere medienpädagogische Initiative stellte Antje vom Berg von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen vor. Das Projekt „Handysektor – Sicherheit in mobilen Netzen“ macht auf Risiken aufmerksam, bietet aber auch Tipps und Qualifizierungsmaßnahmen für Multiplikatoren und Eltern an. „Jeder Beteiligte muss in seinem Bereich Verantwortung wahrnehmen“, hob vom Berg hervor.
Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat sich am 2. April 2003 konstituiert. Sie nimmt gemäß dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) die Aufsicht über Rundfunk und Telemedien (Internet) wahr. Mitglieder sind sechs Direktoren der Landesmedienanstalten, vier von den Ländern und zwei vom Bund benannte Sachverständige.
Mitglieder der KJM:
Vorsitz: Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring; Stv. Vors.: N.N., Prof. Dr. Ben Bachmair, Jochen Fasco, Manfred Helmes, Folker Hönge, Thomas Krüger, Prof. Kurt-Ulrich Mayer, Elke Monssen-Engberding, Sigmar Roll, Prof. Wolfgang Thaenert, Frauke Wiegmann
Stellvertretende Mitglieder:
Reinhold Albert, Dr. Gerd Bauer, Martin Heine, Dr. Hans Hege, Jürgen Hilse, Dr. Uwe Hornauer, Bettina Keil, Petra Meier, Petra Müller, Prof. Dr. Horst Niesyto, Michael Schneider, Wolfgang Schneider
Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Leiterin der KJM-Stabsstelle,
Verena Weigand, Tel.: 089/63808-262 oder E-Mail: stabsstelle@kjm-online.de.

