
MEDIENTAGE MÜNCHEN 2006 vom 18. bis 20. Oktober Panel 2.5 Jugendschutz und Mobile Media: Neue Medien – neue Gefahren? Jugendschutz für das Handy: Wer trägt die Verantwortung?
12/2006 (20.10.2006)
Über die Risiken und Gefahren, aber auch Chancen des multimedialen Alleskönners Handy für Kinder und Jugendliche diskutierten auf Einladung der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) Experten aus Medienaufsicht, Mobilfunkbranche, Politik und Forschung im Rahmen der 20. MEDIENTAGE MÜNCHEN.
„Vollausstattung ab dem Jugendalter“: So bezeichnete Ulrike Wagner vom Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) die aktuelle Situation der Handynutzung bei den Heranwachsenden. Fast jeder Jugendliche und jedes zweite Kind verfüge inzwischen über ein eigenes Mobiltelefon. Das multifunktionale Handy werde dabei nicht nur als Kommunikations- und Spielgerät, sondern auch als Werkzeug genutzt, um konstruktiv und kreativ Medien zu gestalten. So sei bei den Jugendlichen nach der Kommunikation per SMS und dem Telefonieren das Fotografieren besonders beliebt. Wenige Erkenntnisse gebe es bislang zu der Frage, welche Rolle das Handy im Medienensemble, vor allem an der Schnittstelle zum Internet, spiele. Dies müsse noch stärker erforscht werden.
Die Risiken und Gefahren, die sich mit der Handynutzung für Kinder und Jugendliche aus Jugendschutzsicht ergeben, schilderte Verena Weigand, Leiterin der KJM-Stabsstelle. Pornoclips, Gewalt- und Tötungsvideos würden zahlreich von Anbietern im globalen Internet zur Verfügung gestellt und könnten von dort frei zugänglich auf Handys herunter geladen werden. Problematische Inhalte gebe es auch auf Web-Plattformen wie YouTube oder MyVideo. Hier stellten Jugendliche selbst produzierte Prügel- oder Unfallszenen ein, „happy slapping“ oder „happy accidents“, wie Weigand formulierte und mit plastischen Beispielen veranschaulichte. Die Leiterin der KJM-Stabsstelle unterstrich, dass die Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags auch für die Anbieter von Internet-Inhalten im Handyformat gelten: „Jugendgefährdende Inhalte wie Pornographie dürfen nur im Rahmen einer geschlossenen Benutzergruppe für Erwachsene gezeigt werden.“ Mit Blick auf die deutschen Mobilfunkanbieter stellte sie noch erheblichen Gesprächsbedarf fest, würdigte aber deren Beitritt zur Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia (FSM) als positiven Schritt.
Simone Hüls, Jugendschutzbeauftragte bei T-Mobile, und Isabel Tilly von Vodafone Deutschland betonten, dass die Mobilfunkbetreiber ihre Verantwortung für den Jugendschutz ernst nehmen. So hätten die Mobilfunkanbieter bereits frühzeitig einen Verhaltenskodex erlassen und Maßnahmen daraus umgesetzt. Hiermit werde ein wirksamer Jugendschutz gewährleistet. „Eltern können bei T-Mobile anrufen und Inhalte oder Dienste, die sie proble-matisch finden, sperren lassen“, so Hüls. Dies gelte auch für Vodafone, ergänzte Tilly, wobei es Pornographie bei Vodafone von vornherein nur in geschlossenen Benutzergruppen gebe. Zur Frage, wie häufig die Sperroptionen durch die Eltern genutzt würden, seien jedoch keine Zahlen vorhanden.
„Eine kindersichere Vorkonfiguration von Handys durch Mobilfunkanbieter und Endge-rätehersteller“, forderte dagegen Wolf-Dieter Ring, Vorsitzender der KJM. Es sei fraglich, ob die von den Unternehmen angebotenen Sperroptionen von Eltern auch tatsächlich akzeptiert und genutzt würden. Die Erfahrungen beim Sender Premiere hätten gezeigt, dass Ansätze, die eine aktive Sperrung der Inhalte durch die Eltern erfordern, nicht funktionierten. Das Entsperren von anbieterseitig gesperrten Inhalten werde dagegen gut angenommen und sei somit wirksamer. Ring erklärte die Bereitschaft der KJM zum konstruktiven Dialog mit den Mobilfunkanbietern, unterstrich aber, dass es an den Anbietern sei, die richtigen Weichen zu stellen.
Auch Manfred Helmes, Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK), betonte, dass die Verantwortung nicht einseitig den Eltern zugeschoben werden dürfe. Dies gelte gerade bei der mobilen Kommunikation, die vielfach außer Haus stattfinde. Vielmehr seien die Mobilfunkanbieter gefragt, im Rahmen ihrer Mitgliedschaft bei der FSM ihre gestärkte Eigenverantwortung im neuen Jugendschutzmodell wahrzunehmen. „Wenn die Anbieter eine Verschärfung der Gesetzgebung verhindern wollen, müssen sie sich anstrengen“, so Helmes. Wolfgang Schulz, Direktor des Hans-Bredow-Instituts, ergänzte, dass auch nach der Verantwortung der Betreiber von Videoplattformen im Internet wie YouTube oder MyVideo gefragt werden müsse. Dies sei ein Aspekt, der bei der bevorstehenden Evaluation des neuen Jugendschutzmodells berücksichtigt werden müsse.
Keinen Zweifel an der Verantwortung von Internet-Plattformbetreibern ließ Hans Gerhard Stockinger, Mitglied des Bayerischen Landtags und Medienpolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion: „Plattformbetreiber sind auch mit den jetzigen gesetzlichen Möglichkeiten klar zu packen.“ Stockinger schloss sich Rings Forderung nach einer sicheren Grundkonfiguration von Mobiltelefonen an, verwies aber auch auf das Vorhaben des Bayerischen Justizministeriums, nicht nur das Verbreiten, sondern auch den Besitz jugendgefährdender und unzulässiger Inhalte unter Strafe stellen zu wollen.
Die Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch die Anwendung von Strafrecht, zum Beispiel beim Tausch gewaltverherrlichender Videos, halte er nicht für zielführend, entgegnete Schulz. Insgesamt bescheinigte der Direktor des Hans-Bredow-Instituts dem deutschen Jugendmedienschutz ein hohes Niveau im internationalen Vergleich: „Unser Jugendschutzmodell hat eine Vorreiterrolle in Europa.“
Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat sich am 2. April 2003 konstituiert. Sie nimmt gemäß dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) die Aufsicht über Rundfunk und Telemedien (Internet) wahr. Mitglieder sind sechs Direktoren der Landesmedienanstalten, vier von den Ländern und zwei vom Bund benannte Sachverständige.
Mitglieder der KJM:
Vorsitz: Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring; Stv. Vors.: Dr. Lothar Jene, Prof. Dr. Ben Bachmair, Manfred Helmes, Dr. Victor Henle, Folker Hönge, Thomas Krüger, Prof. Kurt-Ulrich Mayer, Elke Monssen-Engberding, Sigmar Roll, Prof. Wolfgang Thaenert, Frauke Wiegmann
Stellvertretende Mitglieder:
Reinhold Albert, Dr. Gerd Bauer, Dr. Hans Hege, Jürgen Hilse, Dr. Uwe Hornauer, Bettina Keil, Petra Meier, Petra Müller, Prof. Dr. Horst Niesyto, Michael Schneider, Gernot Schumann, Christian Schurig
Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Leiterin der KJM-Stabsstelle,
Verena Weigand, Tel.: 089/63808-262 oder e-mail: stabsstelle@kjm-online.de

